Ruhestand in Unruhe

„Ich weıß gar nicht, ob ich nichts tun kann“
Ruhestand in Unruhe: Elisabeth Schlömer hat sich rechtzeitig vor der Rente mit Ehrenämtern eingedeckt
Mit dem neuen Freiraum engagiert sich die 63-Jährige im „Haus der Senioren” und für den SkF. Ohne Pflichten etwas bewegen zu können, ist bereichernd, meint die Jung-Rentnerin.
von HUBERT KREKE
Cloppenburg  Dass Elisabeth Schlömer nach fast 30 Jahren als Leiterin eines Sozialwerks die Hände in den Schoß legt, nur weil die Rente naht, konnte sich selbst ihr Mann nicht vorstellen. „Ihr Terminkalender ist voller als vorher”, behauptet Johann Viets. Die Jung-Rentnerin widerspricht: „Das kommt ihm nur so vor, weil ich da meine Arbeitstermine nie eingetragen habe: Da bin ich morgens um sieben aus dem Haus und abends oft spät zurückgekommen.” Sich abends noch mit Freunden zu treffen oder sich ehrenamtlich zu engagieren, dafür fehlte nach dem Dienst oft die Kraft: Die Verantwortung für 60 Mitarbeiter, die Verpflichtung, neue Aufträge und Aufgaben zu finden, damit die Einrichtung ausgelastet bleibt, kostete Zeit und Kraft. Das private Programm fiel bescheiden aus: „Das hat sich meistens aufs Wochenende konzentriert”, sagt die 63-Jährige heute.  „Heute folgen Leute spontaner ihren Interessen, ohne sich festzulegen,” so Elisabeth Schlömer über das Freizeitverhalten im Alter. Inzwischen genießt sie die neue Freiheit. aber füllt den Freiraum auch ehe es langweilig werden könnte. Den Vereinsvorsitz im „Haus der Senioren” hat Schlömer übernommen. Im Vorstand des Sozialdienstes katholischer Frauen arbeitet sie mit. „Erst mal ist das ja ein tolles Gefühl, länger schlafen zu dürfen und gemütlich zu frühstücken”, erzählt sie, aber: „Ich weiß gar nicht, ob ich nichts kann.“ Lange suchen musste die ehemalige Betriebswirtin nicht. Fünf Organisationen und Vereine fragten an, als klar wurde, dass ihr Berufsleben im Sommer2019 endet. „So richtige Hobbys hab’ ich eigentlich gar nicht, bis auf das Übliche: Lesen.” Also: Ehrenamt. „Da will ich was bewegen, das macht mir Spaß. Aber ich muss auch mein gewohntes Tempo bremsen.“ Wer schon länger im Ruhestand sei, handele vielleicht „etwas entschleunigter”, wirft ihr Mann ein: Er hat Erfahrung mit der neuen Freiheit im Alter. Die ersten Ideen hat Schlömer zusammen mit dem Vorstand des Seniorenhauses skizziert. Ein Ansatz: „Viele Gruppen machen etwas mit oder für Senioren, aber nicht zusammen” Die Frage, die sich Schlömer und der Vorstand stellen: Gibt es ein Interesse, mehr und spontan zusammen zu unternehmen, vielleicht schon vor dem Renteneintritt? Denn auch unter den älteren Cloppenburgern wächst jetzteine Generation heran, die ihre Freizeit individueller und ungebundener gestaltet, als es noch vor 20 oder 30 Jahren üblich war: „Da hatte jeder seinen Verein oder seine feste Einheit”, glaubt die Neu-Rentnerin: Kegelclubs, Gesangvereine, Skatrunden und Strickkreise dienten bis ins hohe Alter als Treffpunkt, der sozialen Halt gab. „Das funktioniert zwar in Cloppenburg noch, aber heute folgen Leute spontaner ihren Interessen, ohne sich festzulegen”, glaubt die Cloppenburgerin. „Was bleibt, ist: Die Menschen brauchen Begegnung. Dafür muss man das Umfeld bereiten. “Eine typische Merkwürdigkeit des Älter werden teilt Schlömer mit fast alle Rentnern: „Ich fühl’ mich gar nicht wie eine Seniorin.” Stattdessen ähnele die Zeit nach dem Berufsleben der Jugendzeit. „Man hat keinen beruflichen Stress und muss keine Karriere mehr planen. Ich muss mir eigentlich keine Sorgen mehr machen, sondern freue mich auf die Zukunft.” Den ersten Dämpfer hat Schlömer allerdings schon erhalten, als sie mit einer Sehstörung Hals über Kopf ins Quakenbrücker Krankenhaus eingewiesen wurde. Der Verdacht auf einen Schlaganfall bestätigte sich nicht: „Ich bin kerngesund.“ Das Ergebnis des General-Checks nimmt sie, „wie ein TÜV-Siegel, dass alles in Ordnung ist”. Dennoch wurde der Rentnerin zum ersten Mal vollends bewusst, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Trotz der Nachdenklichkeit darüber hält sich die 63-Jährige an einen Ratschlag, den sie aus einer Plattdeutsch-Gruppe von einer älteren Frau mitgenommen hat. Die Gruppenregel besagt: Höchstens zehn Minuten darf jeder über seine Krankheiten reden, dann wird das Thema gewechselt. „Sonst dreht man sich selbst in ein Loch hinein“, glaubt die 63-Jährige.Viele neue Kontakte durchs Ehrenamt: „Das bereichert mich”. Besseren Gesprächsstoff hat Schlömer genug, zumal sie jetzt auch Bekannte auf der Straße in der Stadt beim Bummel trifft. „Früher dachte ich: Du kennst keinen mehr. Heute habe ich so viele neue Kontakte – das bereichert mich.” Noch eine Freiheit des Alters: „Man kann schon häufiger sagen, was einem nicht passt.” Und genau das ändern …
03.01.2020 MT