Diakonie findet auch jetzt Lösungen

Corona-Krise: Martina Fisser im Gespräch – Wie kann Menschen in Notlagen geholfen werden?
Auch der Alltag von Martina Fisser und ihren Kollegen in der Diakonie sieht momentan anders aus. Dennoch finden Menschen in Krisen trotz des Coronavirus hier ein offenes Ohr.
von MAREIKE WÜBBEN
Frau Fisser, wie erleben Sie die Zeit und die Corona-Krise gerade persönlich?
Martina Fisser: Die Corona-Krise hat meinen beruflichen und privaten Alltag komplett verändert, Meine persönlichen Kontakte beschränken sich auf Familie und Kollegen/innen. Auf dem Nachhause-weg wird noch schnell der Einkauf gemacht. Auch ich habe bereits in meinem Umfeld die Aufgabe übernommen, für Menschen, die zuhause bleiben sollen, einzukaufen.
Was hat sich in Ihrem Arbeitsalltag verändert?
Fisser: Der persönliche Kontakt mit Hilfesuchenden ist fast zum Stillstand gekommen. Auch wenn unsere Haustür im Büro geschlossen ist, sind wir trotzdem weiterhin für Hilfesuchenden da und auch erreichbar. Alle Kolleginnen und Kollegen beraten jetzt in Telefongesprächen, per E-Mail oder auf dem Postweg.
Wie hat sich die Arbeit Ihrer Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsstellen im Landkreis Cloppenburg verändert?
Fisser: Wir mussten uns schnell und flexibel auf die neue Beratungssituation einstellen. Sehr schnell haben meine Kolleginnen und Kollegen reagiert und miteinander erarbeitet, wie das genau aussehen kann. Vollmachten und Unterlagen werden vorab telefonisch besprochen und dann per Post zum Teil mit einem Rückumschlag an Klienten verschickt In einigen Arbeitsbereichen wie zum Beispiel in der sozialpädagogischen Familienhilfe oder in der Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung gab es genaue Anweisungen, wie die Beratung in dieser Zeit durchzuführen ist.
Auch Anlaufstellen wie das Möbellager oder der Diakonieladen sind momentan geschlossen. Haben Sie eine Alternative für die Menschen?
Fisser: Das ist eine schwierige Frage. Zum Schutz von unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern bleiben der Diakonieladen und der Möbelkeller bis auf weiteres geschlossen. Ich habe hier eine Fürsorgepflicht, die ich gerne erfülle. Diese Möglichkeit zum „Einkauf“ muss in dieser Zeit warten. Ln ganz besonders dringenden Fällen rate ich zu einem Anruf bei uns. Wir suchen dann nach einer Lösung, und ich bin mir ganz sicher, die finden wir dann auch.
Wie wirkt sich gezwungene Isolation auf Menschen aus?
Fisser: In dieser frühen Phase sind die Auswirkungen noch begrenzt. Im Moment empfinden viele Menschen diese Zeit noch als eine Art „verlängerte Osterferien“. Ich befürchte, die wirklich schwierige Phase wird noch kommen. Der Grundsatz, auf seine Mitmenschen zu achten, gilt aber eigentlich immer. Alle sollten wachsam sein und vielleicht bei einem Nachbarn oder Bekannten einfach mal fragen, wie es so geht und ob Hilfe benötigt wird. Dies kann ja mit den gebotenen Sicherheitsvorkehrungen geschehen. Menschen, die vor der aktuellen Station schon einsam waren. werden jetzt nicht aus ihrem „Schneckenhaus“ kommen. Hier sind wir alle als Gesellschaft gefragt, unsere Fühler auszustrecken.
Was kann die Isolation für Familien bedeuten? Haben Sie Tipps, um nicht dem Lagerkoller zu erliegen?
Fisser: Durch den Schulausfall und Kitaausfall ist jetzt die gesamte Familie mehr zusammen. Spannungen, die vorher schon da waren, können sich dadurch verstärken. Wichtig ist, dass Eltern viel mit ihren Kindern sprechen und den Kindern die Situation erklären. Lagerkoller kann Einzelpersonen und Familien ereilen. Rauszugehen ist immer eine Möglichkeit, die Situation zu entschärfen. Immer unter der Vorgabe, Abstand zu halten zu anderen Personen. Unsere Mitarbeiterin vom Netzwerk Familienzentrum Schwedenheim hat nach folgende Tipps: Einige Vereine bieten Sportstunden auf You-Tube an. Da kann die ganze Familie mitmachen. Kinder können mit ihren Familien jetzt kochen und backen lernen. Eine kleine Abwechslung kann es auch sein, jeden Tag einen Witz oder kleines Rätsel per WhatsApp an die Großeltern oder Freunde zu schicken. So bleibt auch der Kontakt bestehen. Halten Sie einen festen Tagesablauf ein. Das gibt Halt in unsicheren Zeiten.
Ist so eine allgemeine Krise im Alltag besonders „gefährlich“ für Menschen, die sowieso schon in einer persönlichen Krise stecken? Kann die äußere Situation beispielsweise Probleme mit Schulden sogar noch verstärken?
Fisser: Schwierige Situationen, die eine Person vor der Corona-Krise hatte, lösen sich ja nicht einfach so auf. Auch jetzt müssen die Briefe von zum Beispiel Gläubigern geöffnet werden. Und dann natürlich der Kontakt zu unserer Schuldnerberatung aufgenommen werden. Die größte Gefahr ist immer, Probleme zu ignorieren. Wer aktuell seine Miete nicht zahlen kann, muss Kontakt mit dem Vermieter aufnehmen und die Situation besprechen. Wir können nur helfen, wenn Menschen die Kraft und den Mut haben, ihre Probleme anzugehen.
Wie können Sie momentan Menschen noch weiter unterstützen, die in Krisen stecken oder hilfe benötigen?
Fisser: Unter der Telefonnummer 04471/184170 ist unser Diakoniebüro Cloppenburg und unter 04441/906910 ist unser Diakoniebüro Vechta erreichbar. Wer aktuell in einer Krise steckt und Hilfe benötigt, sollte telefonisch mit uns Kontakt aufnehmen. Wir schauen dann, was möglich ist. Damit Menschen, die Hilfe beim Einkauf oder Spaziergang mit dem Hund benötigen, und Menschen, die helfen wollen, zusammenkommen, sind das Diakonische Werk Oldenburger Münsterland und die evangelische Kirchengemeinde Cloppenburg eine Kooperation mit der Ehrenamtsagentur Cloppenburg eingegangen. Wenn Sie Hilfe benötigen oder helfen möchten, erhalten Sie alle Informationen auf der Homepage der Ehrenamtsagentur unter www.ehrenamtsagentur.org oder dienstags, mittwochs und donnerstags von ı10 bis 12 Uhr unter 04471/ 850 45 32.
11.04.2020 NWZ